Moderne Krebstherapie: Sequenztherapie und personalisierte Medizin auch bei Krebs im Alter sinnvoll

Krebs - Wer sich dem Rentenalter nähert, sieht es: Immer mehr ältere Menschen sind in unserer Gesellschaft unterwegs. Die Alterspyramide steht Kopf und hat die bekannte „normale“ Alterspyramide in Deutschland verdrängt. - Und der epidemiologische Wandel geht weiter. Waren es 2008 noch 16,7 Millionen Bundesbürger im Alter über 65-Jahren, werden für das Jahr 2030  22,3 Millionen geschätzt (1). Nachlassende Geburtenzahlen und steigende Lebenserwartungen sind die Ursachen.

Für den einzelnen Menschen ist die Entwicklung zunächst erfreulich, denn die Chancen, alt zu werden, steigen sowohl für Männer als auch für Frauen von Jahr zu Jahr. So können heute 65-jährige Männer mit weiteren 17 Lebensjahren rechnen, und 65-jährige Frauen mit zusätzlichen 20 Jahren. Und mit den Fortschritten in der Medizin sind weitere Steigerungen wahrscheinlich.

Bei der näheren Betrachtung der Entwicklung birgt die positive Entwicklung einer längeren Lebenszeit ökonomischen Sprengstoff für unsere gesellschaftlichen Strukturen. Beispielsweise nehmen die Zahl und die Dauer von Rentenleistungen zu. Hinzu kommt, dass die Lebenszeitentwicklung mit einem Ansteigen von Krankheiten begleitet wird.

Krebsrisiko steigt mit höherem Alter
Krankheiten wie die Rheumatoide Arthritis, Herz-Kreislauf-Krankheiten werden uns belasten. Auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, steigt mit höherem Alter. So haben Männer im Alter ein höheres Krebsrisiko als Frauen. Statistische Daten sind die Grundlage dieser Aussage: Bei Männern liegt das Risiko im Alter von 50 Jahren bei  6,1 Prozent. Es steigt auf 15,5 Prozent mit 60 und 25 Prozent mit 70 Jahren.(2) Bei Frauen steigt das Erkrankungsrisiko langsamer. Liegt es bei den 50-Jährigen noch bei 6,1 Prozent, steigt es auf 10 Prozent mit 60 und 13,5 Prozent mit 70 Jahren.(2)

Bei den Patienten über 65 Jahre stehen als Neuerkrankungen folgende Krebserkrankungen im Fokus:

  • Lungenkrebs: 59 % der Frauen, 66 % der Männer
  • Darmkrebs: 76 % der Frauen, 71 % der Männer
  • Brustkrebs: 48 % der Frauen
  • Prostatakrebs: 72 % der Männer.(3)

Therapieerfolge durch Sequenztherapie und personalisierte Medizin
Folgegenerationen können vor allem die Entwicklungen der medizinischen Forschung in der Krebsmedizin (Onkologie) und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Hämatologen/Onkologen, Geriatern, Palliativmedizinern sowie Pflegern und Therapeuten nutzen. Neue Krebsstrategien wie die Sequenztherapie und die personalisierte Medizin bieten neue Chancen zur Verbesserung der Therapieerfolge. Bei der Sequenztherapie von Tumoren werden Krebsmedikamente systematisch in einem definierten Wechsel einer kombinierten Krebstherapie so lange eingesetzt, wie sie optimal wirken. Die personalisierte Medizin bietet die Möglichkeit, Patienten mit Hilfe von Biomarkern zu Therapiegruppen zusammenzufassen, bei denen bestimmte Wirkstoffe oder deren Kombinationen besser wirken als in anderen Gruppen.

Alter eines Krebspatienten nur bedingt ein begrenzender Faktor
Es hat sich herausgestellt, dass das Alter eines Krebspatienten nur bedingt ein begrenzender Faktor ist. Vielmehr ist es die individuelle Konstitution, in der sich ein Patient befindet: Begleiterkrankungen, seelische Verfassung und der Wille zur Mitarbeit bestimmen mit über den Behandlungserfolg. Untersuchungen an älteren Krebspatienten bestätigen diese Annahme.

Für den Erfolg einer Krebstherapie verliert das Alter nach wissenschaftlichen Studien an Bedeutung. So auch bei der neuen Therapieoption zur Behandlung von Darmkrebs mit dem Gefäßneubildungshemmer (Angiogenese-Inhibitor) Bevacizumab. In der Therapie älterer Patienten mit metastasiertem Darmkrebs hat sich gezeigt, dass diese ebenso von einer Behandlung mit Bevacizumab in Kombination mit Chemotherapie profitieren wie jüngere.(4)

Innovative Therapie auch adjuvant von Vorteil
Dass Behandlungsstrategien mit innovativen Behandlungsstrategien auch bei älteren Patienten vorteilhaft sind, wurde nicht nur für eine Bevacizumab-basierte Therapie beim metastasierten Dickdarmkarzinom belegt, sondern auch für die adjuvante Chemotherapie mit Capecitabin und Oxaliplatin. So dokumentieren Ergebnisse aus der XELOXA-Studie (5) bei Patienten unter und über 65 Jahren sowie unter und über 70 Jahren, dass Capecitabin und Oxaliplatin in der Adjuvanz das krankheitsfreie Überleben in allen untersuchten Altersgruppen signifikant verlängern. Mit dem Begriff der Adjuvanz beschreiben die Therapeuten die begleitende medikamentöse Therapie, um z.B. Nebenwirkungen des Hauptwirkstoffes zu reduzieren.

Ältere Darmkrebspatienten profitieren ebenso wie jüngere von der Chemotherapie
Vor diesem Hintergrund erscheint es ethisch nicht vertretbar, wenn älteren und alten Menschen innovative Krebstherapie vorenthalten werden. Dass dies aber geschieht, zeigt unter anderem eine retrospektive Erhebung in den USA bei 32.000 Patienten mit kolorektalem Karzinom, dem Dickdarmkrebs des Enddarms (6). Die Analyse dokumentiert, dass ältere Menschen deutlich seltener als jüngere Krebspatienten mittels einer Chemotherapie behandelt werden, obwohl das mittlere Erkrankungsalter bei etwa 70 Jahren liegt. In dieser Studie wurde belegt, dass ältere Patienten von der Chemotherapie ebenso profitieren wie jüngere und das sogar bis jenseits des 80. Lebensjahres. Das Alter darf daher kein Entscheidungsgrund für die Wahl einer Krebstherapie sein.

Quellen:

  1. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 1, 2011
  2. Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister e.V. (GEKID), Robert Koch-Institut (RKI) (2010) (Hrsg): Krebs in Deutschland. Häufigkeiten und Trends
  3. Krebsinzidenz und –mortalität in Deutschland: Datenbankabfragen unter www.rki.de
  4. Kozloff M F et al., Clinical outcomes in elderly patients with metastatic
  5. Haller D et al., ESMO/ECCO 2009, Abstr. 5LBA
  6. Sehgal R et al., Abstract 557, ASCO GI 2011)

 

In unserer Serie zum Sonderthema "Krebs" lesen sie außerdem:


(Dr. Joachim Wolff / MEDIZIN ASPEKTE 2011/11)




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